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Franz Kafka:
Die Verwandlung
(von Wolfgang Wallner-F.
www.wolfgangwallnerf.com)

Autor: Geboren 3. Juli 1883
in Prag, gestorben 3. Juni 1924 in Kierling bei Wien. Nachkomme einer böhmisch-jüdischen
Fabrikantenfamilie, studierte in Prag und promovierte 1906 zum Dr. jur. Ein
Jahr Angestellter einer Versicherungsgesellschaft, dann 1908 bis 1920 Beamter
der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt. 1917 erkrankte er an Tuberkulose, es
folgen Heilaufenthalte in der Tatra, an der Ostsee und in Meran. Er starb an
Kehlkopftuberkulose in Kierling bei Wien. Stand dem Kreis Prager Schriftsteller
um Franz Werfel und Max Brod nahe. Zu seinen Lebzeiten erschienen nur einige
Erzählungen, die Romane gab Brod, angeblich gegen Kafkas Wunsch aus dem
Nachlass heraus. Seitdem kam Kafkas Werk zu außerordentlicher Wirkung. Franz
Kafka ist einer der großen Seher und Vorausseher des heutigen Weltzustands und
der daraus entstandenen Problematik des Menschen gewesen, ein Visionär der
modernen Lebensangst. Er schrieb eine eigentümlich trockene, spröde, glasklare
Prosa, die jede Einzelheit der stofflichen Welt mit beinahe wissenschaftlicher
Schärfe erfasst. Die Welt aber, die er so aufbaut ist vollkommen ungreifbar und
unwirklich, raum- und ortlos, und darum für den Menschen, der in ihr leben
muss, ausweglos verwirrend, beängstigend und schrecklich. Kafka sah das ganze
Dasein des Menschen in der Abhängigkeit von metaphysischen Instanzen, die er
sich als einen ungeheuren und allmächtigen Behördenapparat vorstellte. In
seinen Werken äußert sich Spannung zwischen der Klarheit der einzelnen
Satzaussagen und der wachsenden Unklarheit des Gesamtzusammenhanges. Sein Werk
ist wird ganz verschiedenartig gedeutet: expressionistisch, existentialistisch,
mystisch, psychoanalytisch und surrealistisch. Kafkas Erzählungen und Romane
sind in viele Kultursprachen übersetzt, vielfach und ganz verschieden
kommentiert, dramatisiert und als Oper und Film bearbeitet worden.
Werke: Erzählungen: Die
Verwandlung, Das Urteil, Ein Landarzt,
Romane: Der Prozess, Das
Schloß, Amerika.
Die Verwandlung
(1912)
Protagonisten:
Gregor Samsa: Handlungsreisender
Grete: Gregors jüngere Schwester, 17 Jahre
Vater Samsa: alter Mann, schon fünf
Jahre ohne Arbeit, autoritär
Mutter Samsa: alte, an Asthma
leidende Frau
Der Prokurist: Prokurist in Gregors
Tuchwarenfirma
Die Untermieter.
Inhalt:
(Kurzfassung)
Der Handlungsreisende Samsa
(=Kafka) erwacht eines Morgens in seinem Bett - verwandelt in ein hässliches
Insekt. Trotzdem bleibt er im Grunde in der konventionellen Welt der Eltern und
der Schwester streng eingeordnet, doch bedeutet sein irreguläres Dasein eine
schlimme Störung. Die reale Welt erweist sich noch stärker als die Phantasie,
der Verwandelte wird ihr Gefangener. So stirbt er und wird als Kehricht
weggefegt.
(Ausführliche Inhaltsangabe)
Der Reisende Gregor
Samsa wacht eines Morgens auf und findet sich in ein Ungeziefer verwandelt in
seinem Bett. Er hat verschlafen und so den Zug, der ihn zu seiner Tätigkeit
führen sollte, versäumt. In Schwierigkeiten mit seinem neuen Körper befindend,
kann er nicht sofort aufstehen und da die Türe seines Zimmers von innen
versperrt ist, können seine Eltern und seine Schwester ihn nur durch die Türe
auf die notwendige Eile hinweisen. Gregors Vater ist seit fünf Jahren ohne
Arbeit und so sorgt Gregor finanziell für die Familie, was er als seine Pflicht
erachtet, da er sich seinem Vater für die Ausbildung schuldig fühlt. Gregor war auch ein überaus pflichtbewusster und
loyaler Angestellter. Nach kurzer Zeit kommt der Prokurist der Tuchfirma, in
der Gregor angestellt ist, um nachzusehen, warum Gregor seinen Pflichten nicht
nachkommt. Die Familie beeilt sich dem Prokuristen das Versäumnis Gregors mit
einer Unpässlichkeit zu erklären, da die Türe zu Gregors Zimmer noch immer
verschlossen ist und Gregor wegen seines neuen Körpers Schwierigkeiten mit der
Handhabung des Schlüssels hat. Da Gregor dem Prokuristen nur in einer
unverständlichen tierischen Stimme antworten kann, vermutet dieser, dass Gregor
eine Unterschlagung beging und deswegen seinen Dienst nicht mehr antreten
will. Devot versichert Gregor seine
Loyalität gegenüber der Firma, wird aber nicht verstanden. Unter größten
Schwierigkeiten öffnet er ungeachtet der dadurch entstehenden Verletzungen mit
seinem Mund die Türe. Als das Ungeziefer vom Prokuristen und den Eltern gesehen
wird, fällt die Mutter in Ohnmacht, der Vater ballt mit feindseligem Ausdruck
seine Fäuste. Gregor beteuert dem Prokuristen gegenüber, dass dieser Zustand
ihn nur vorübergehend davon abhält, seine Pflicht zu erfüllen und schmeichelt
dem Prokuristen ob dessen Wichtigkeit. Der Prokurist flüchtet, Gregor will ihn noch
besänftigen, um seine Arbeit behalten zu können. Um ihm nacheilen zu können,
fällt das bisher stehende Insekt auf seine Beinchen, was ihm Wohlbefinden
vermittelt, seine Mutter aber in Schrecken versetzt. Der Vater treibt Gregor
ohne Rücksicht auf dessen nunmehrige körperliche Möglichkeiten mit Hilfe eines
Stockes und einer Zeitung ins Zimmer zurück, der Prokurist flieht endgültig.
Das Ungeziefer wird an einer Seite verletzt, der Vater gibt ihm einen letzten
erlösenden Stoß und schlägt die Türe mit dem Stock zu. Gregors Sprache wird
nicht mehr verstanden, obwohl er selbst die Menschensprache versteht.
Grete schiebt Gregor
etwas Essbares ins Zimmer, das aber dem Insekt nicht schmeckt. Er verkriecht
sich unter dem Kanapee, das ihn zwar nicht ganz verdeckt, unter dem er sich
aber geschützt fühlt, dort bleibt sein Lieblingsplatz. Als Grete am nächsten
Morgen Gregor sieht, erschrickt sie und läuft vorerst wieder davon. Nach
einiger Zeit schiebt sie erneut Nahrung herein, diesmal aber halbverfaultes
Gemüse, alte Knochen und sonstige Abfälle, die Gregor munden. Ekelnd entfernt
Grete die Speisereste. Gregor macht sich Vorwürfe, dass er nunmehr Grete nicht
mehr den Besuch des Musikkonservatoriums ermöglichen kann und seine Eltern
jetzt auf Ersparnisse angewiesen sind. Diese Gedanken versetzen Gregor in
Beschämung. Gregor leidet darunter, dass er seiner Schwester nicht für ihre
Mühen danken kann, da sie ihn nicht versteht. Gregor vermutet, dass der
Schwester sein Zustand peinlich ist, was sich durch ihre dauernde Eile im
Zimmer äußert und er versucht Grete die Peinlichkeit durch ein Laken über sein
Versteck zu erleichtern. Er versteht auch, dass der Vater und die Schwester die
Mutter von einem Besuch in seinem Zimmer abhalten müssen um sie zu schonen. Als
Gregor nach einem Monat Freude daran findet, an den Wänden unter Hinterlassung
klebriger Spuren zu klettern und für seine Familie die Notwendigkeit entsteht,
die Möbel mit Ausnahme des Kanapees zu entfernen, ergibt sich die Gelegenheit
die Mutter zu sehen. Gregor klettert die Wand hoch, setzt sich auf sein
Lieblingsbild, um es im Zimmer behalten zu können. Die Mutter sieht ihn und
fällt auf des Kanapee in Ohnmacht, worauf Grete das erste Mal direkt mit Gregor
spricht: „Du Gregor!“, und sie erhebt die Faust. Gregor klebt am Bild fest,
reißt sich mit Gewalt los und will, wie früher der Schwester zu Hilfe kommen,
um die Mutter aus ihrer Ohnmacht zu befreien, die nun aus seiner Schuld
vielleicht dem Tod nahe war. Grete berichtet den Vorfall dem Vater und sagt
nebenbei: „Gregor ist ausgebrochen.“ Gregor meint, dass der Vater diese kurze
Mitteilung eventuell falsch verstehen könnte, will ihn besänftigen, flüchtet
zur Türe seines Zimmers, damit der Vater seine besten Absichten sehen und
erkennen kann, dass es nicht mehr notwendig ist, ihn in sein Zimmer zurück zu
treiben. Bei dieser Gelegenheit sieht Gregor das erste Mal wieder den Vater und
er bemerkt, dass dieser sich verändert hat. Er ist schlanker geworden und trägt
eine Uniform, die ihn als Diener eines Bankinstitutes erkennbar werden lässt.
Der Vater bemerkt Gregors Besänftigungsversuche nicht und versucht ihn mit
seinen Stiefeln zu treten. Gregor wagt es nicht auf die Wände zu flüchten um
den Vater nicht noch mehr zu erzürnen. Um Gregor zu verjagen, wirft der Vater
mit Äpfel auf das Insekt, ein Apfel dringt Gregor in den Rücken.
Die Wunde wird nicht
versorgt und der Apfel bleibt in Gregors Rücken. Die Schwester, die eine
Stellung als Verkäuferin annimmt und Abends noch Stenographie und Französisch
lernt, schiebt Gregor nur mehr rasch irgendwelche Speisereste ins Zimmer und
kümmert sich nicht mehr darum, ob Gregor auch isst. Gregor schläft fast nicht
mehr und isst auch nicht, da er keinen Hunger verspürt. Eine neue Bedienerin
empfindet es wahrscheinlich als freundlich, wenn sie Gregor als alten Mistkäfer
bezeichnet. Das Zimmer wird immer schmutziger und in ihm werden Möbel
abgestellt, die die Familie aus einem Zimmer entfernt hatte, das an drei
Zimmerherren vermietet wurde. Alles was im Augenblick unbrauchbar ist ,
schleudert die Bedienerin nur in Gregors Zimmer, diese Gegenstände bleiben
liegen, wie sie geworfen wurden. Eines Abends, nachdem die Zimmerherren ihr
Essen beendet haben und bei Zigarre und Zeitung sich zurücklehnen, spielt Grete
im Nebenzimmer Violine. Die Herren bitten Grete in das Wohnzimmer, wo sie
weiterspielt. Ohne Rücksichtnahme, die früher sein ganzer Stolz gewesen war,
nähert sich Gregor, über und über von Schmutz und Staub bedeckt, da ihn die
Musik über alle Maßen anzieht und er darin die Nahrung vermeint, die er so
lange entbehren musste. Gregor wundert sich darüber und denkt: „Bin ich ein
Tier, dass Musik mich so ergreift?“ Er ist entschlossen, bis zur Schwester
vorzudringen, sie am Rock zu zupfen und anzudeuten, sie möge doch in seinem
Zimmer spielen, denn niemand lohnt hier das Spiel so, wie er es lohnen wolle.
Er will Grete bis zu seinem Lebensende in seinem Zimmer lassen und sie mit
Hilfe seiner Schreckensgestalt vor allem beschützen, dann will er ihr
anvertrauen, dass er die feste Absicht gehabt hatte, sie aufs Konservatorium zu
schicken. Nach dieser Erklärung würde die Schwester in Tränen der Rührung
ausbrechen und Gregor würde ihr den Hals küssen. Als Gregor aber entdeckt wird,
versucht der Vater die Zimmerherren zu beruhigen, die ihre augenblickliche Kündigung
des Mietverhältnisses bekannt geben. Die Schwester sagt, dass sie vor diesem
Untier nicht den Namen ihres Bruders aussprechen will, dass die Familie aber
versuchen müsse, das Ungeziefer loszuwerden, außerdem könne ihnen niemand einen
Vorwurf machen, da sie alles Menschenmögliche versucht haben, es zu pflegen und
zu dulden. Sie erhält von den Eltern Zustimmung, die meinen, dass wenn das
Untier sie nur verstünde, dann würde es die Notwendigkeit auch begreifen.
Nachdem Gregor in Rücksichtnahme auf die Familie in sein Zimmer zurückgekehrt
ist, wird das Zimmer von außen durch seine Schwester eilig verschlossen und
verriegelt. Ins Zimmer zurückgekehrt, fühlt sich Gregor immer schwächer und
schwächer, an seine Familie denkt er mit Rührung und Liebe. Seine Meinung
darüber, dass er verschwinden müsse, ist womöglich noch entschiedener, als die
seiner Schwester. Ungefähr um drei Uhr morgens stirbt Gregor.
Als am Morgen die
Bedienerin Gregor findet, ruft sie: „Sehen Sie nur mal an, es ist krepiert; da
liegt es, ganz und gar krepiert!“ Die
Bedienerin stoßt Gregor zum Beweis mit den Besen und der Vater dankt Gott.
Grete bemerkt, wie dünn Gregor ist. Die Bedienerin öffnet das Fenster. Die
Zimmerherren, die doch geblieben sind, verlangen mürrisch nach dem Frühstück
und stehen dann, durch die Bedienerin aufmerksam gemacht, um Gregors Leiche.
Der Vater fordert die drei Herren auf, die Wohnung zu verlassen, was auch
geschieht. Grete und die Eltern beschließen den heutigen Tag zum Ausruhen und
Spazierengehen zu verwenden. Als die Bedienerin fragt, wie man das Zeug von
nebenan beiseite schaffen soll, sagen sie ihr, dass alles in Ordnung sei. Bei einem Ausflug ins Freie vor der Stadt
besprechen die Drei ihre guten Aussichten für die Zukunft, die Eltern
entdecken, dass die Tochter zu einem schönen Mädchen aufgeblüht ist und sie
denken, dass es nun an der Zeit wäre, auch einen braven Mann für sie zu suchen.
Interpretation:
In eine offensichtlich
„normale“ Familie tritt das „Fremde“ und Außergewöhnliche ein, indem sich der
die Familie erhaltende Sohn in ein Insekt verwandelt. Im Schatten eines
autoritären Vaters wurde dieser Sohn (Gregor) zu einem loyalen und
pflichtbewussten Menschen erzogen. Gefühle waren in der Familie als animalisch
angesehen, was sich im Werk im letzten Teil äußert (Gregor hört die Schwester
musizieren und fragt sich, ob er ein Tier ist). Niemand in der Familie
interessiert sich für die Andersartigkeit Gregors und seine Sprache wird nicht
mehr verstanden. Der Andersartige fühlt sich für sein Anderssein schuldig, die
Angehörigen fühlen Schande, verstecken
ihn vor Fremden und empfinden ihr Tun als gerechtfertigt und gut. Als ihr Sohn
nach erstmaliger Entdeckung von Gefühlen, die sich von dem des
Pflichtbewusstsein unterscheiden stirbt, sind sie erleichtert und gehen zur
„Tagesordnung“ über. Sie werden aus den
Vorfällen nichts gelernt haben, da sie ohne auf eventuelle Bedürfnisse der
Tochter einzugehen planen, für diese einen braven Mann zu suchen.
Im Lichte des
Erscheinens der Freudschen Psychoanalyse, verarbeitet Kafka in diesem Werk
sicher auch Probleme in der Beziehung zu seinem Vater, möglicherweise auch zu
der allgemein so gesehenen Andersartigkeit des Judentums, und die Arbeit daran
ist so auch als Therapie Kafkas zu sehen, wie dies wahrscheinlich bei den
meisten Schriftstellern auch der Fall ist. „Die Verwandlung“ gibt aber dem Leser auch die Veranlassung,
seine eigene Verhaltensweise dem „Andersartigen“ gegenüber zu überdenken. Die
Absurdität des Verhaltens der Familie Gregors bestand darin, dass überhaupt
kein Interesse den Bedürfnissen Gregors gegenüber empfunden wurde und nicht
einmal ein Versuch stattfand, die Sprache Gregors zu verstehen. Die
Abnormalität wurde sogar von Gregor Samsa selbst als Schuld und das Verhalten der Familie durchaus begründet
angesehen. Endgültig wird er von der Familie als unerwünscht und untragbar
bezeichnet, als er in der Musik die Nahrung entdeckt, die er immer gesucht hat
und dadurch erstmals menschliche Zuneigung empfindet. Diese „Andersartigkeit“
ist nun für die Familie untragbar, als Ausweg bleibt für alle Beteiligten nur
mehr der Tod des Außenseiters