www.holzauge.de

 

Johann Wolfgang von Goethe

Faust

Der Tragödie erster Teil

 

(verfasst von Wolfgang Wallner-F.)
(
www.wolfgangwallnerf.com)

 

 

 

 

 

Autor: Geboren 28. August 1749 in Frankfurt am Main, gestorben 22. März 1832 in Weimar, geadelt 1782.

 

Lebenslauf: (aus Brenner/Bortenschlager: Deutsche Literaturgeschichte 1)

 

1. Jugend, Sturm und Drang

 

Sein Vater, Johann Kasper Goethe, Doktor der Rechte, Kaiserlicher Rat, war vermögend, ernst, ordnungsliebend. Seine Mutter, Katharina Elisabeth Textor, Tochter des Stadtschultheißen, hingegen war heiter, von lebhafter Phantasie. Von sich selbst sagt Goethe:

„Vom Vater hab ich die Statur,

Des Lebens ernstes Führen;

Von Mütterchen die Frohnatur

Und Lust zu fabulieren.“

Den ersten Unterricht erhielt der Knabe zusammen mit der Schwester Kornelia durch den Vater. Mit peinlicher Sorgfalt achtete der gestrenge Vater darauf, dass der Sohn Latein, Griechisch, Hebräisch, Französisch und Italienisch lernte. Große Ereignisse in seiner Kindheit waren der Umbau des väterlichen Hauses und die französische Einquartierung während des 7jährigen Krieges. Der französische Königsleutnant de Thoranc bot Goethe häufig Gelegenheit zum Besuch des französischen Theaters. 1764 erlebte Goethe das imposante Schauspiel der Krönung Josephs II. in Frankfurt.

1765 wurde der junge Goethe an die Universität Leipzig geschickt, um Jus zu studieren. Das Studium aber vernachlässigte er zugunsten gesellschaftlicher Unterhaltungen und des Theaters. Seine frühe Leidenschaft zur Gastwirtstochter Käthchen Schönkopf spiegelte sich in seinen ersten Gedichten („Anette“, „Neue Lieder“). Zur gleichen Zeit entstand sein Schäferspiel „Die Laune des Verliebten“, ein Rokokospiel. Eine schwere Krankheit zwang ihn 1768 zur Rückkehr ins Elternhaus. Den langsam Genesenden sprach besonders die pietistische Freundin seiner Mutter, Susanne von Klettenberg, an.

Wieder genesen, bezog Goethe 1770 die Universität in Straßburg. Die Entdeckung der Gotik im Anblick des Straßburger Münsters („Von deutscher Baukunst“ 1173, in Herders Blättern „Von deutscher Art und Kunst“ erschienen), die elsässische Landschaft, ein Kreis geselliger Freunde, die Bekanntschaft mit Herder und die erste große Liebe erfüllten ihn ganz. Herder erschloss Goethe die Fülle des in der Dichtung sich offenbarenden Lebens und das Geheimnis elementaren Schöpfertums, er wies ihn auf Hamann, Rousseau, Shakespeare, Ossian, Homer und das Alte Testament, auf das Volkslied und die altdeutsche Dichtung hin. Der Aufsatz Goethes „Zum Shäkespears Tag“ (1772) zeugt von diesen neuen Erkenntnissen. Zur dichterischen Tat wurden diese Erkenntnisse in der leidenschaftlichen Liebe Goethes zu Friederike Brion, der Pfarrerstochter von Sesenheim („Sesenheimer Liederbuch“ 1770/71). Die Hoffnungen, die Goethe in der Familie Brion geweckt hatte, erfüllte er nicht. Er erkannte seine Schuld und legte seine poetische Beichte in der Schilderung der beiden Marien im „Götz von Berlichingen“ und in „Clavigo“ ab.

1771 promovierte er zum Lizenziaten der Rechte und kehrte nach Frankfurt zurück. In der nun folgenden Sturm- und Drangperiode überstürzten sich seine Pläne; Mahomet, Prometheus, Cäsar, Faust waren die Gestalten, die seinen Titanenträumen entsprachen. Erst im „Götz von Berlichingen“ verdichtete sich seine Arbeit zu einem großen Drama.

Auf Wunsch des Vaters praktizierte Goethe vom Frühjahr 1772 bis Herbst 1772 am Reichskammergericht zu Wetzlar. Seine leidenschaftliche Liebe zu der mit dem Legationsrat Albert Kestner verlobten Charlotte Buff sowie Eifersuchtsszenen im Hause des befreundeten Kaufmannes Brentano in Frankfurt und die Nachricht vom Selbstmord eines Bekannten, des Juristen Wilhelm Jerusalem, verdichteten sich zur Handlung seines ersten Romans „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774). Damit war Goethe zum bekannten Dichter geworden. Viele Gäste stellten sich in Frankfurt ein. Ein „Werther“ -Fieber hatte Europa ergriffen. Goethe war der anerkannte Führer des Sturm und Drangs. Doch schrieb er nun zwei regelmäßige Dramen: „Clavigo“ (1774) und „Stella“ (erschienen 1776). Züge Stellas deuten auf Lili Schönemann, ein Mädchen der vornehmen Frankfurter Gesellschaft; Goethes Mutter hatte die Verlobung mit ihr betrieben, aber wieder wandte sich Goethe ab, reiste in die Schweiz und kehrte am St. Gotthard noch einmal um und zu Lili zurück. Hier stürzte er sich in die Arbeit am „Urfaust“ und am „Egmont“. Aus der peinlichen Situation mit Lili - er hatte die Verlobung gelöst - befreite ihn die Einladung des Herzogs Karl August nach Weimar. Am 7. November 1775 traf Goethe in Weimar ein. Aus dem Besuch wurde ein Aufenthalt bis an sein Lebensende.

 

2. Goethe in Weimar; die klassische Zeit

 

Schon nach wenigen Wochen übernahm Goethe seinem jungen Freund zuliebe Hof- und Staatsaufgaben; so gewann er dessen Vertrauen und konnte ihn an seine Herrscherpflichten gewöhnen. Von den Verpflichtungen erholte sich Goethe in seinem Gartenhaus an der Ilm. 1776 ernannte ihn der Herzog zum Geheimen Legationsrat, 1779 zum Geheimrat; 1782 wurde er von Joseph II. geadelt, leitete viele Kommissionen und seit 1782 die gesamten Staatsfinanzen des Herzogtums.

Goethe widmete sich der Arbeit mit größtem Eifer; er begleitete den Herzog auf seinen Inspektionsreisen und in die Schweiz. Die Bekanntschaft mit der in ihrer Ehe enttäuschten Frau von Stein schenkte ihm Frieden und die Harmonie einer geistigen Freundschaft. Seligkeit, aber auch Leid dieser Liebe äußern sich in der Weimarer Lyrik dieser Jahre („Wanderers Nachtlied“, „Ein Gleiches“, „Grenzen der Menschheit“). In den zehn Jahren des Werbens und Ringens um die Liebe der Frau von Stein reiften sein klassisches Drama „Iphigenie auf Tauris“ (1786) und sein Seelendrama „Torquato Tasso“ (1790).

Um sich selbst zu befreien - aus der Überfülle der Arbeit und aus dem unerquicklichen Liebesverhältnis - verließ Goethe mit der Zustimmung des Herzogs am 3. September 1786 heimlich Karlsbad, wo der Hof zur Kur weilte, und fuhr über den Brenner, Verona, den Gardasee und Venedig nach Rom, von wo er nach viermonatigem Aufenthalt nach Neapel und Sizilien reiste. Im Juni 1787 war er wieder in Rom, im Juni 1788 kehrte er nach Weimar zurück. Mit des Herzogs Einverständnis legte er die meisten Ämter zurück, übernahm aber 1791 die Leitung des Weimarer Hoftheaters. Er begleitete den Herzog auf einem Feldzug und nahm an der Belagerung von Mainz teil. Vom Hofe distanzierte er sich. Es kam zum Bruch mit Frau von Stein, als er sich mit der 23jährigen Christiane Vulpius verband, die ihm 1789 den Sohn August gebar. Nach den „Römischen Elegien“ (erschienen 1795) wandte sich Goethe zunächst der wissenschaftlichen Arbeit zu, bis er 1794 zur Bekanntschaft und schließlich Freundschaft mit Schiller kam, den er erstmals in Stuttgart als Schüler und dann im Hause der Frau von Lengefeld in Rudolfstadt kennen gelernt hatte. Aus dieser Freundschaft fand Goethe zu neuer dichterischer Schaffenskraft, die Balladen entstanden, „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (1795/96), „Hermann und Dorothea“ (1797) folgten, und „Faust I. Teil“ wurde abgeschlossen. Der Tod Schillers 1805 traf den schwer erkrankten Goethe besonders tief; nun bestellte auch er sein Haus: 1806 ließ er sich mit Christiane Vulpius trauen.

 

3. Goethe im Alter

 

Mehr und mehr repräsentierte Goethe das geistige Deutschland, die Romantiker anerkannten seine Größe, Napoleon lud ihn zum Fürstentag nach Erfurt, und Goethe begann seine große Selbstbiographie „Dichtung und Wahrheit“.

Den politischen Ereignissen, der nationalen Erhebung hielt er sich fern. In den Hassgesang gegen Frankreich stimmte er nicht ein. „Wie hätte auch ich, dem nur Kultur und Barbarei Dinge von Bedeutung sind, eine Nation hassen können, die zu den kultiviertesten der Erde gehört und der ich einen so großen Teil meiner Bildung verdanke?“

Im Sommer 1814 las Goethe die Gedichte des persischen Dichters Hafis; die weltfromme Lebensweisheit dieses Dichters und seine Liebe zu Marianne von Willemer, der Gattin des befreundeten Frankfurter Bankiers, schufen jene Lyrik „Westöstlicher Divan“ (1819), in der Marianne als „Suleika“ selbst zur begnadeten Dichterin wurde („Hochbeglückt in deiner Liebe“, „Was bedeutet die Bewegung“, „Ach um deine feuchten Schwingen“). Wesensschau und Weisheit sind überhaupt das Kennzeichen von Goethes Alterslyrik („Eins und Alles“, „Selige Sehnsucht“, „Urworte, Orphisch“).

Mit elementarer Macht erfasste Goethe 1823 in Karlsbad noch einmal die Liebe zur 18jährigen Ulrike von Levetzow. In seiner „Marienbader Elegie“ (1823) ist die Leidenschaft zur Entsagung gebändigt.

Vertraute Freunde seiner letzten Lebensjahre sind sein junger Sekretär Johann Peter Eckermann, der seine Gespräche mit Goethe aufzeichnete, und Karl Friedrich Zeller. Der letzte Roman, „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ (1821/29) wurde beendet und der 2. Teil des „Faust“ fertig gestellt. Die „Ausgabe letzter Hand“ bereitete er vor. Seine Freunde waren gestorben: 1816 Christiane, 1827 Frau von Stein, 1828 Karl August, 1830 sein Sohn. Am 22. März 1832 starb Goethe.

 

Werke:

 

Autobiographische Schriften:

 

Goethe konnte nur dichterisch gestalten, was er selbst erlebt und erlitten hatte. Fast alle seine Werke geben daher Charakterzüge des Dichters, Anschauungen, persönliche Erleben und Empfinden wieder. Ohne eingehende Kenntnisse der äußeren Lebensumstände des Dichters gibt es daher kein ausreichendes Verständnis seiner Dichtungen:

 

Aus meinem Leben, Dichtung und Wahrheit (1811-1814)

Die italienische Reise (1813-1817)

Die schweizer Reise im Jahre 1797 (1833)

Die Campagne in Frankreich (1792-1793)

Die Belagerung von Mainz (1793)

Tages- und Jahreshefte

Briefe:

Briefwechsel mit Schiller (1794-1797)

Gespräche Goethes in den letzten Jahren seines Lebens (Eckermann 1837-1840)

 

 

Goethes Lyrik:

 

 

Sturm und Drang:

Anette, Leipziger Liederbuch (Inhalt und Form anakreontisch)

Adler und Taube

An Schwager Kronos

Mahomets Gesang

Prometheus

Ganymed

Klassik:

Erlkönig

Der Fischer

Der König von Thule

Römische Elegien

Venezianische Epigramme

Xenien (gemeinsam mit Schiller 1796)

Der Sänger

Die Schatzgräber

Der Zauberlehrling

Die wandelnde Glocke

Der getreue Eckart

etc.

Altersgedichte:

Westöstlicher Diwan

 

 

Dramen: (u.a.)

 

 

Clavigo (1774)

Stella (1776)

Götz von Berlichingen (1773)

Proserpina (unvollendete Vorstudie zu Iphigenie)

Egmont (1787)

Iphigenie auf Tauris (1787)

Torquato Tasso (1789)

Pandora (1809)

 

Faust

Urfaust (1770-1771), 1. Teil (1808), 2. Teil (1832)

 

 

 

Epische Dichtungen:

 

Die Leiden des jungen Werthers (1774)

Wilhelm Meister (1776-1829):

Wilhelm Meisters Lehrjahre (1796)

 

Wilhelm Meisters Wanderjahre (1821-1829)

Die Wahlverwandtschaften (1809)

Reineke Fuchs (1793)

Hermann und Dorothea (1797)

Achilleis (1799)

 

 

 

Beschäftigung mit den Naturwissenschaften:

 

Osteologie (Knochenlehre)

Mineralogie und Geologie

Botanik (Metamorphose der Pflanzen 1831)

Optik (Die Farbenlehre, erschienen 1810)

 

 

Die Entwicklung des Faust-Stoffes bis ins 19.Jhd.:

 

Johann Georg Faust ist eine historische Person, er lebte zwischen 1480 und 1540, war also ein Zeitgenosse Luthers. Naturwissenschaftliche Kenntnisse hoben ihn über die Zeitgenossen empor. Verschiedene seiner Taten wurden weitererzählt, andere Zaubersagen wurden auf ihn übertragen. So entstand das:

 

Volksbuch von Dr. Faust 1587 in Frankfurt a.M. erschienen. Hier ist er mit dem Mitarbeiter Gutenbergs, Johann Fust, verschmolzen. Der unbekannte Verfasser will zeigen, wohin die Abkehr von Gott (Humanisten!) führt. Darum wird das Ende nach 24jährigem Teufelspakt besonders grausam erzählt.

 

Christopher Marlowe, der englische Dramatiker, hat bereits 1589 das Volksbuch dramatisiert. Dieses Stück kam durch die englischen Komödianten nach Deutschland und wurde hier zum

 

Volksschauspiel von Doktor Faust. Daraus ging hervor das

 

Puppenspiel von Doktor Faust. Beide lebten fort bis in Goethes Jugendzeit. Das Puppenspiel wird auch heute noch von Marionettentheatern gespielt.

 

Von den Neubearbeitungen des Volksbuches wurde die bekannteste die des „Christlich Meynenden“ (so nennt sich der Verfasser, ein protestantischer Geistlicher). Faust ist hier der überhebliche humanistische Gelehrte, der von der Lehre Luthers abgefallen ist.

Lessings „Faust“ ist der Versuch, dem Faust-Stoff eine neue, der Aufklärung entsprechende Form zu geben. Seiner Geistesanlage dürfte der Stoff aber nicht entsprochen haben. Erhalten ist nur eine Szene im 17. Literaturbrief. Faust ist nicht mehr der Genießer und Schlemmer des Volksbuches, sondern von gewaltigem Drang nach Wissen und Erkenntnis erfüllt. Lessing sagt, die Gottheit habe dem Menschen nicht den edelsten Trieb (nach Erkenntnis) gegeben, um ihn ewig zu verderben. Daher wird sein Faust gerettet.

 

Im Sturm und Drang wird der Teufelsbündler zum Sinnbild des eigenen maßlosen Strebens. So gestalten ihn

Friedrich (Maler) Müller: Situationen aus Fausts Leben (Drama, 1778)

Friedrich Maximilian Klinger: Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt (Roman, 1791).

 

Nach Goethe folgen noch mehr als 70 Bearbeitungen des Faust-Stoffes. Im 19.Jahrhundert:

Christian Dietrich Grabbe: Don Juan und Faust (1829) eine Gegenüberstellung des frohen, zügellosen Genussmenschen und des aus der Grübelei zur Leidenschaft der Liebe erwachenden Genossen des Teufels.

Nikolaus Lenau: Faust (1836), ein Epos, in dem der Dichter seinen eigenen Kampf zwischen Glauben und Wissen schildert, blieb Fragment.

 

 

 

Faust

Der Tragödie erster Teil

 

(Erste Aufführung des 1.Teiles 1829, Braunschweig)

 

Protagonisten:

Faust

Mephistopheles

Wagner

Margarethe

Valentin, ihr Bruder

Marthe Schwerdtlein u.a.

Ort und Zeit:

16. Jahrhundert, in Fausts Studierstube, vor dem Tore der Stadt, Auerbachs Keller in Leipzig, am Brocken und anderwärts.

 

Inhalt:

(aus: Reclams Schauspielführer)

 

Vorspiel auf dem Theater:

Direktor, Theaterdichter und Lustige Person diskutieren über den Sinn des Theaterspielens. Während der Direktor nur auf volle Häuser sieht und alles nach dem Gesichtspunkt des Erfolges bei der Menge berechnet, bekennt sich der Dichter zu der hohen, göttlichen Poesie, die sich von der Menge eher abgestoßen als angezogen fühlt. Die Lustige Person gibt praktische Ratschläge, wie man das Publikum am besten unterhalten kann. Goethe nahm die Anregung zu diesem Vorspiel aus dem indischen Theater, das ihm 1791 durch Forsters Übersetzung der Sakuntala des Kalidasa bekannt geworden war.

Prolog im Himmel:

Die drei Erzengel Raphael, Gabriel und Michael rühmen „die unbegreiflich hohen Werke“ der Schöpfung Gottes. Mephistopheles, der sich zum Gesinde des Herrn rechnet, ist anderer Meinung. Er sieht nur, „wie sich Menschen plagen“. Sie würden seiner Ansicht nach wesentlich besser leben, wenn der Herr ihnen nicht in der Vernunft einen „Schein des Himmelslichts“ gegeben hätte, mit dem sie aber wenig anzufangen wüssten. Der Herr lenkt das Gespräch auf den Dr. Faust, den er als seinen „Knecht“ bezeichnet. Mephistopheles verhöhnt die Leidenschaft, mit der dieser Tor ihm diene („Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne, und von der Erde jede höchste Lust“). Der Herr sieht aber gerade hierin das Fruchtbare. Mephistopheles bietet dem Herrn eine Wette an, es würde ihm gelingen, Faust von ihm abzuwenden. Der Herr geht darauf ein, doch nur, solange Faust auf Erden lebe. Mephisto werde am Ende beschämt erkennen müssen: „Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst“. Die Wette wird geschlossen. Der Herr überlässt das Weitere getrost dem „Schalk“, den er in Mephistopheles erblickt. Er hat seinesgleichen nie gehasst, sondern in seinen Weltplan eingebaut, da der Mensch in seinem Tätigkeitsdrang allzu leicht erschlaffe und des Antreibers bedarf. Der „Prolog im Himmel“ ist angeregt worden durch das 2. Kapitel des Buches Hiob, dem er in wesentlichen Zügen folgt.

 

Der Tragödie erster Teil:

Faust grübelt in seiner Studierstube bei Nacht über den Sinn des Daseins. Die herkömmlichen Wissenschaften (Philosophie, Juristerei, Medizin und auch die Theologie) vermögen ihm nichts mehr zu geben. Nur noch in der Magie sieht er einen Weg, in das Geheimnis der Welt einzudringen. Er schlägt das Zauberbuch des Nostradamus auf und berauscht sich beim Anblick des Zeichens des Makrokosmos an der Harmonie, die das All durchdringt. Doch hofft er noch mehr Befriedigung vom Zeichen des Erdgeistes, den er mit geheimnisvollen Formeln beschwört. Der Geist erscheint, jedoch nur, um Faust seine Zwergenhaftigkeit als Mensch gegenüber der Natur und ihren ewig schaffenden Gewalten fühlen zu lassen. Nach einer kurzen Unterbrechung, die das nächtliche Meditieren durch seinen Famulus Wagner („den trockenen Schleicher“) erfährt, wendet Faust sich wieder im Selbstgespräch den ihn bedrängenden Fragen des „ungewissen Menschenloses“ zu. So tief ist seine Verzweiflung, so stark sein unstillbarer Drang nach letzter Klarheit, dass er den Tod als Erlösung herbeisehnt und sich „heiter“ zu diesem letzten ernsten Schritt entschließt. Doch kaum hat er die kristallenen Schale mit Gift an den Mund gesetzt, als Glockenklang und Chorgesang ihm des „Osterfestes erste Feierstunde“ künden. Überwältigt von Jugenderinnerungen und dem Auferstehungswunder des Osterfestes, setzt er die Schale vom Mund wieder ab, und wenn ihm auch der Glaube an die frohe Botschaft fehlt, fühlt er sich doch der Erde neu zurückgegeben („O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder! Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!“). Mit seinem Famulus Wagner tritt Faust nun am Ostermorgen einen Spaziergang an vor das Tor der Stadt. Ehrfurchtsvoll begrüßt ihn das Volk, dem er einst in jungen Jahren bei Bekämpfung einer Pestseuche hilfreich zur Seite stand. Der Anblick der untergehenden Sonne ruft ihm aber aufs Neue die metaphysische Sehnsucht wach, und er kommt zu der Selbsterkenntnis: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen“. Auf dem Heimweg umkreist ihn ein geheimnisvoller, schwarzer Pudel, der ihm in sein Studierzimmer folgt. Wieder sitzt Faust allein bei Nacht am Pult und grübelt. Und wiederum fühlt er, selbst beim besten Willen, keine Befriedigung aus seinem Busen quillen. Beim Versuch, das Neue Testament in sein „geliebtes Deutsch“ zu übertragen, stößt er gleich beim Anfang des Johannes-Evangeliums auf die unüberwindbare Schwierigkeit der Übersetzung des griechischen Wortes Logos. In seiner landläufigen Bedeutung als „Wort“ kann es ihm nicht genügen. So wählt er die Formulierung: „Im Anfang war die Tat!“ Doch nun beginnt der Pudel in seinem Zimmer zu randalieren. Er entpuppt sich, nachdem Faust erkannt hat, dass es kein gewöhnliches Tier ist und ihn mit Zauberformeln beschwört, als Mephistopheles (in der Gestalt eines fahrenden Scholaren). „Ich bin der Geist, der stets verneint“, offenbart er Faust, „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Als Faust erfährt, dass auch die Hölle ihre Gesetze und Rechte hat, ist er bereit, mit ihm einen Pakt zu schließen. Mephistopheles gibt ihm sofort eine Probe seiner Kunst, indem er ihn einschläfert und ihm wollüstige Bilder vorgaukelt. Als Faust erwacht, ist Mephistopheles, der sich durch ein Pentagramm am Fußboden in seiner Bewegungsfreiheit behindert sah, verschwunden. Doch nicht lange danach kehrt er zurück. Und nun wird, nachdem Faust noch einmal in wilden, aufbegehrenden Worten seine ganze Unmut über die Last und Qual des irdischen Daseins ausgetobt hat, ein Pakt geschlossen und mit einem Tropfen Blut aus Fausts Arm besiegelt: Mephistopheles verbindet sich auf Erden ganz zu Fausts Diensten. Dafür erhebt Mephisto Anspruch auf ihn, wenn sie sich „drüben“ wieder finden. Entscheidend soll sein, ob Faust jemals durch die Erfüllung seiner Wünsche befriedigt werden kann, so dass er zum Augenblicke sagen möchte: „Verweile doch! du bist so schön!“ Dann möge die Totenglocke schallen, und dann soll Mephisto seines Dienstes ledig sein. Ehe sie nun ihre Reise in die Welt antreten, fertigt Mephistopheles einen Schüler ab, den er auf diabolische Weise in die Wissenschaften einführt, wobei er ihm ganz besonders die Medizin preist, bei der man am schnellsten von der „grauen Theorie“ zum „grünen Baum des Lebens“ gelange ...  Mit einer derben Szene bei einer „Zeche lustiger Gesellen“ in Auerbachs Keller in Leipzig beginnt dann Fausts „neuer Lebenslauf“. Anzügliche Reden, Einzel- und Rundgesänge von der Ratte, die Gift im Leibe hatte, vom König mit dem Floh und von den Zechern, denen „kannibalisch wohl“ ist „als wie fünfhundert Säuen“, geben dem Gelage das Gepräge. Mephisto lässt aus Löchern, die er in den Tisch bohrt, Wein fließen. Im Höhepunkt der Verwirrung verschwinden Faust und Mephisto aus dem Keller. Mephisto schleppt Faust nun in die Hexenküche, wo es unter Geschrei von Meerkatzen und -katern toll hergeht und wo „Junker Satan“ sich erst Respekt verschaffen muss. In einem Spiegel sieht Faust das himmlische Bild eines Weibes, für das er sofort leidenschaftlich entflammt ist. Die Hexe muss ihm einen Verjüngerungstrank reichen, der aus dem himmelstürmenden Professor der Philosophie einen verliebten Jüngling machen soll. Mit diesem Trank im Leibe wird er (wie Mephisto prophezeit) bald „Helenen in jedem Weibe“ sehen.

Das unschuldige Geschöpf, an dem sich Fausts Liebessehnen in tragischer Weise erfüllen soll, ist Gretchen. Er begegnet ihr -sie kommt von der Beichte- und spricht sie sofort in stürmischer Werbung an. Mephisto kann nicht schnell genug Geschmeide herbeischaffen, mit dem das arme Kind betört werden soll. Im Haus und Garten der kupplerischen Nachbarin, Marthe Schwerdtlein, vollzieht sich das Weitere. Mephisto führt sich bei Marthe Schwerdtlein ein, indem er vorgibt, Nachricht für sie von ihrem in Italien verstorbenen Manne zu haben. Faust ist der Zeuge. So treffen sich Faust und Gretchen wieder. Es kommt zum rührenden Geständnis des zum ersten Liebesleben erwachten Mädchens. Mit ahnendem Instinkt sieht sie in Mephisto den „bösen Geist“, der zwischen ihr und ihrer Liebe steht, und ihr gläubiges Gemüt ist in tiefer Sorge um die Stellung des Geliebten zur Religion, die auch durch das berühmte (pantheistische) Glaubensbekenntnis Fausts nicht behoben werden kann. Immerhin ist in Faust über dem Erleben mit dem unschuldigen, reinen Kind sein besseres Ich erwacht. Verzweifelt hat er versucht, sich von Mephisto zu lösen, und doch kann er nicht ohne ihn zu seinem Ziel gelangen. Nachdem Gretchen Faust in ihre Kammer eingelassen hat, während ihre Mutter durch einen Trank, den ihr Faust gab, in tiefen Schlaf versetzt wurde, ist die tragische Entwicklung nicht mehr aufzuhalten. Valentin, Gretchens Bruder, ein tapferer Soldat, hat erfahren, was sich im Hause begab. Er stellt Faust zum Zweikampf, bei dem Valentin fällt, da Mephisto seine Hand erlahmen ließ. Sterbend flucht Valentin der Schwester und schilt sie eine Hure („Du fingst mit einem heimlich an, bald kommen ihrer mehre dran“). Vergeblich betet Gretchen, die ein Kind unterm Herzen trägt, vor dem Bild der Mater dolorosa („Ach neige, Du Schmerzenreiche, Dein Antlitz gnädig meiner Not!“). Nicht anders ergeht es ihr im Dom, wo ihr unter dem Gesang des „Dies irae“ die Stimme des bösen Gewissens so hart zusetzt, dass sie ohnmächtig niedersinkt. Faust wird währenddessen zur Ablenkung von Mephisto auf den Blocksberg geführt, wo sie im Aufstieg auf den Brocken in den tollen Strudel der entfesselten Dämonenwelt hineingezogen werden. Faust vermeint zuletzt in der Ferne „ein blasses, schönes Kind“ zu sehen, das dem „guten Gretchen gleicht“. An ihr hat sich inzwischen das unabwendbare, bittere Schicksal vollzogen: ihre Mutter starb an dem Trank, ihr Bruder ist tot, das Kindlein, das sie zur Welt brachte, ertränkte sie. So findet Faust nur noch eine Wahnsinnige im Kerker, deren Verbrechen „ein guter Wahn“ war und bei deren Anblick Faust „der Menschheit ganzer Jammer“ anpackt. Vergeblich versucht Faust, Gretchen aus dem Gefängnis zu retten. Ihr Geist ist verwirrt. Der Anblick Mephistos reißt sie jedoch zu letzter Klarheit empor. Sie befiehlt sich reuig der Gnade Gottes an. Es graut ihr selbst vor Faust („Heinrich! Mir graut´s vor dir“). „Sie ist gerichtet!“ ruft Mephisto. Doch aus der Höhe erklingt eine Stimme: „Ist gerettet!“ Mephisto reißt Faust mit sich davon.

 

Interpretation

nach „Königs Erläuterungen und Materialien“

Dr. Gerd Eversberg Faust, Teil 1

 

Im Prolog im Himmel tritt uns der Herr entgegen, den man nicht einfach mit dem christlichen Schöpfergott gleichsetzen darf. Wenn man dieser Gestalt begegnet, muss an Goethes Auffassung von Religion erinnert werden, die er Faust in seinem „Glaubensbekenntnis“ in den Mund legt, das er auf Gretchens Frage abgibt, wie er es mit der Religion halte:

Der Allumfasser,

Der Allerhalter,

Faßt und erhält er nicht

Dich, mich, sich selbst?

Faust vertritt hier die Lehre von der Einheit der Welt, die unter dem Begriff „Pansopie“ bekannt ist. Sie beruht auf einer neuplatonischen philosophischen Anschauung, die alle Gegensätze von Natur und Geist auf ein Prinzip göttlicher Selbstentfaltung zurückführt. Sie glaubt, die kosmische Ordnung in der Harmonie des Ganzen der sich in Spannung befindlichen Polarität zu erkennen und legt diese Harmonie in immer neuer Analogie aus. Gegenstand der Analogie sind Elemente der Natur, die jene kosmische Ordnung im Kleinen symbolisieren.

Mephistopheles (Schalk) kritisiert die Schöpfung, doch nicht als Ganzes („Von Sonn´ und Welten weiß ich nichts zu sagen“), vielmehr greift er in seiner Kritik das Zentrum der Schöpfung, den Menschen, heraus. Seine Kritik wurde vom Herrn auf einen Menschen, Dr. Faust konkret bezogen. Der soll als Exempel für die weitere Auseinandersetzung dienen, in denen die unterschiedlichen Menschenbilder des Herrn und des Teufels deutlich werden. Während Mephistopheles die Schöpfung des Menschen als eines vernunftbegabten Tieres für falsch hält, sagt der Herr am Beispiel Faust, wie er den Menschen einschätzt und geschaffen hat: Er vergleicht den Menschen mit einem jungen Bäumchen, das durch Wachstum sich vollenden wird, er spricht vom Streben des Menschen und vom Irrtum („Es irrt der Mensch, solang er strebt“) und nennt ihn einen guten Menschen, der sich in seinem dunklen Drange des rechten Weges bewusst sei. Das Wesen des Menschen ist demnach sein Streben, zu dem er fähig ist, weil er über die Vernunft verfügt, die ihm von Gott gegeben wurde, durch die er sich vom Tier unterscheidet. Weil diese Vernunft aber nicht die göttliche ist, sondern eben nur die menschliche, endliche und begrenzte, so irrt der Mensch, so lange er strebt, ist sich aber als guter Mensch des rechten Weges bewusst. Mögen Gretchen auch die Antworten genügen, die sie vom Pfarrer erhält, Faust als Repräsentant des strebenden Menschen genügen derartige Antworten nicht. Auch Goethe sucht nach Wegen, seine Antworten den Zeitgenossen mitzuteilen, und er nutzt die Möglichkeiten der Poesie. Die Faustdichtung ist, wie schon der Direktor im Vorspiel auf dem Theater ankündigt, eine Darstellung des Weges „vom Himmel durch die Welt zur Hölle“. Auf die Frage seines Mitarbeiters Eckermann antwortete Goethe 1827: „Da kommen Sie und fragen, welche Idee ich in meinem Faust zu verkörpern gesucht. Als ob ich das selber wüsste und aussprechen könnte.... Ich empfing in meinem Innern Eindrücke, und zwar Eindrücke sinnlicher, lebensvoller, lieblicher, bunter, hundertfältiger Art, wie eine rege Einbildungskraft es mir darbot; und ich hatte als Poet weiter nichts zu tun, als solche Anschauungen und Eindrücke in mir künstlerisch zu runden und auszubilden und durch eine lebendige Darstellung so zum Vorschein zu bringen, dass andere dieselbigen Eindrücke erhielten, wenn sie mein Dargestelltes hörten oder lasen.“

 

Mephistopheles stellt sich Faust selber vor als:

Ein Teil von jener Kraft.

Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

 

und

 

Ich bin der Geist, der stets verneint

Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,

Ist wert, dass es zugrunde geht

Drum besser wär´s, dass nichts entstünde.

So ist denn alles, was ihr Sünde,

Zerstörung, kurz das Böse nennt,

Mein eigentliches Element.

 

und ein paar Verszeilen später:

 

Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war,

Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar.

 

Mephistopheles tritt auf der Erde wie im Himmel nicht als gleichberechtigter Gegenspieler des Herrn auf, sondern als Teil der Schöpfung, als Teil derjenigen Geister, die ein anderes Ziel als der Herr verfolgen, die aber dennoch ein Teil des Schöpfungsganzen sind.

Im Himmel wird er der Schalk genannt. Der Schalk ist ein Spaßmacher, dessen Funktion am Hofe darin besteht, dem Herrn die Wahrheit in Gestalt der Narretei zu sagen. Mephistopheles Wahrheit ist eine fundamentale Kritik an der Schöpfung. Seiner Meinung nach ist der Grundfehler der Schöpfung, dass Gott den Menschen durch die Vernunft vom Tier unterschieden hat, weil der Mensch die Vernunft nur missbrauche „um tierischer als jedes Tier zu sein“. Mephistopheles will dem Herrn durch sein Tun mit Faust beweisen, dass er Recht hat, dass die Schöpfung an dem entscheidenden Punkt falsch ist, wo es Menschen gibt, die vernunftbegabt sind, ohne doch göttlich zu sein. Er muss nun Faust „tierischer als jedes Tier“ machen, damit seine Einschätzung der Schöpfung sich bewahrheitet. Erst wenn sich Faust nicht mehr vom Tier unterscheidet, wenn er in dem einen Moment seines Wesens, der Sinnlichkeit, völlig aufgeht, dann hätte Mephistopheles recht, die Schöpfung hätte sich als falsch erwiesen. Für Faust bedeutet dieser Zustand „bedingungslose Ruhe“, also ein Aufhören jenes Strebens, von dem der Herr sagt, es sei dem guten Menschen immer eigentümlich, allerdings verbunden mit dem Irrtum.

Wenn man sich den Weg Fausts durch die Welt und seine Untat, Gretchen mit der ganzen Familie zu vernichten, anschaut, scheint Mephistopheles mit seiner Behauptung recht zu bekommen, der Mensch handle tierischer als jedes Tier. Die Doppelnatur Fausts und damit des Menschen, Sinnwesen und zugleich vernunftbegabt zu sein, kann nur dann einen Sinn haben, wenn das Streben, das dem Menschen eigentümlich ist, auch zu einem guten Ende führt. Im zweiten Teil der Dichtung wird der Herr dann schließlich Faust zur Klarheit führen. Diese Klarheit wird in der Erkenntnis bestehen, dass das Streben nach einem Ziel außerhalb der uns gegebenen Welt nicht der Sinn des menschlichen Lebens sein kann, denn an der natürlichen Begrenztheit des menschlichen Strebens ist ja Faust gerade verzweifelt, vielmehr kann der Mensch den Sinn seiner Existenz nur im Streben selber finden. Hinter den Versen am Schluss des zweiten Teils:

Wer immer strebend sich bemüht,

Den können wir erlösen.

steckt die Erkenntnis, die Faust am Ende seines hundertjährigen Lebens gewinnt: nur im Streben selbst, im tätigen Schaffen kann der Mensch Zufriedenheit, Befriedigung finden. Das ist aber für Mephistopheles nicht mehr verständlich; sein Feld ist die bloße Sinnlichkeit. Im ersten Teil ist er daher der aktive Teil im Verhältnis zu Faust. Er ist es, der zaubert, der Gretchen verführen hilft, der Mutter und Bruder morden hilft. Sein Tun auf der Erde besteht in Gemeinheit, bloßer Sinnlichkeit und radikaler Zerstörung. Er vernichtet gerade das Kostbarste der Schöpfung, das durch die naive Kindlichkeit Gretchens repräsentiert wird, die mit sich und ihrer kleinen Welt so lange in Harmonie lebt, bis Faust einbricht und diese Idylle brutal zerstört.

 

Faust repräsentiert den Teil der Menschheit, der nach der Ansicht des Herrn seine Schöpfung am reinsten verkörpert. Wir erleben Faust in tiefster Verzweiflung. Er stellt sich uns als Wissenschaftler vor, der nach der Sitte seiner Zeit alle Fakultäten der Universität durchstudiert hat und selber vom Schüler zum Wissenschaftler und Lehrer geworden ist. Aber er hat auch erkannt, dass die menschliche Wissenschaft immer nur an Grenzen stößt, dass die menschliche Vernunft bei aller scheinbaren Unbegrenztheit sich immer wieder als endlich erweist und dass dem Menschen die ganze Wahrheit des Kosmos und seiner menschlichen Existenz verschlossen bleibt. Diese Verzweiflung treibt ihn in die Magie, im ausgehenden Mittelalter eine durchaus der Wissenschaft ebenbürtige Kunst, um den Geheimnissen der Welt auf die Spur zu kommen. Doch auch hier muss Faust schnell erkennen, dass er weder auf magische Weise die Größe des Kosmos erfahren noch mit elementaren Geistern wie dem Erdgeist auf einer Stufe verkehren kann. Er will der qualvollen Verzweiflung entfliehen, indem er den Selbstmord als letzte Möglichkeit in Betracht zieht, die Grenzen der Menschheit zu übersteigen. Zwar glaubt er nicht an ein Leben nach dem Tod und das Experiment könnte sich als Irrtum erweisen, doch die Aussicht, von den Qualen erlöst zu werden, locken ihm zu „letzten ernsten Schritt“. Die Erinnerung an glücklichere Tage, nicht der Glaube an die christliche Offenbarung der Erlösung hält ihn vom Selbstmord zurück. Der Osterspaziergang unterbricht das selbstzerstörerische Grübeln, doch auch hier wird Faust durch die Lobpreisungen der einfachen Landleute an seine Grenzen gemahnt, und in einer Aufwallung seines Gefühls bekennt er vor Wagner die Quelle seines Schmerzes:

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,

Die eine will sich von der andern trennen;

Die eine hält, in derber Liebeslust,

Sich an der Welt mit klammernden Organen;

Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust

Zu den Gefilden hoher Ahnen.

Hier spricht er ein Lebensgefühl an, das den Menschen dualistisch begreift, das heißt ihn als Wesen zweier Welten sieht. Die eine Seele meint den Seelenteil, der uns durch die Sinne mit dem Leben auf der Erde verbindet. Hier ist die Quelle von Freude und Leid, hier sind die Ursachen der Begrenztheit des Menschen. Die andere Seele aber strebt über das Irdische hinaus. Das ist das spezifisch Menschliche, jene Vernunft, die uns mit der göttlichen verbindet, die aber aus der Sicht der Mächte der Finsternis Wurzel allen Übels und auch der Qualen Fausts sind. Faust weiß, dass seine Qualen aus dem Dualismus des Menschen entspringen. Dieses Wissen ist aber Ergebnis eines Strebens, das sich bemüht hat, die Grenzen auszuloten, die dem Menschen gesetzt sind, ja sogar versucht hat, sie zu überschreiten. Weil Faust dies nicht gelungen ist, weil er erkannt hat, dass ihm dies nicht gelingen kann, verzweifelt er. Eine weitere Möglichkeit sich zu vollenden, sieht er in diesem Moment nicht.

Faust ist also verzweifelt an der Begrenztheit der Erkenntnis des Menschen. Mephistopheles bietet ihm aber nicht an, diese Begrenztheit zu übersteigen, er will ihn in die Niederungen der Sinnlichkeit führen und dort betäuben. Er will Faust das Leben bequem machen, doch das heißt nichts anderes als sinnliche Genüsse verschaffen, wie er es kurz nach der Wette mit Faust ausspricht. Doch sinnliche Genüsse, die Plattheiten des Vergnügens, wie wir sie in Auerbachs Keller und in der Walpurgisnacht vorgeführt bekommen, will Faust gar nicht erleben:

Was willst du armer Teufel geben?

Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben,

Von deinesgleichen je gefaßt?

Und damit spricht er Mephistopheles die Fähigkeit ab, ihm das zu geben, was ja gerade das Ziel seines Strebens war, die Vereinigung beider entgegengesetzter Seelen in seiner Brust, die Harmonie der Zerrissenheit seiner Existenz. Faust bietet Mephistopheles   die Wette an, dass er nie aufhören wird zu streben, dass er nie zum Augenblick sagen wird: „Verweile doch! du bist so schön!“ Dann will er sich Mephistopheles ergeben, und dann ist für ihn das Leben beendet, weil ja gerade das Gegenteil von Ruhe und Zufriedenheit das Wesen seines Lebens ausmachen. Faust wettet also, dass es nie gelingen wird, ihn von seinem Streben abzubringen und ihn in Zufriedenheit zu versetzen. Damit findet der Versuch einer Wette im Himmel zwischen dem Herrn und Mephistopheles die Bestätigung durch die Wette zwischen Faust und Mephistopheles. Während dieser oben wetten wollte, er könne beweisen, dass er den Faust zur Ruhe, Zufriedenheit und Einheit mit seiner sinnlichen Existenz zu bringen vermöge, wettet Faust hier unten genau das Gegenteil, nämlich, dass dies dem Teufel nicht gelingen werde. Dabei setzt Faust auch nicht seine Seele ein, denn der Gegenstand des Paktes, der nun nach mittelalterlicher Manier mit Blut besiegelt wird, ist einzig und allein das Diesseits. Auch das weiß Mephistopheles nicht, der es später am Ende des zweiten Teils als betrogener Teufel erfahren muss, wenn er sagt:

Wenn wir uns drüben wieder finden

So sollst du mir das Gleich tun.

Denn ob er Faust auch wirklich drüben finden wird, das entscheidet allein der Herr, dessen Gewissheit von der Vollendung der Menschen in dem Bild vom blühenden Baum Ausdruck findet:

Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt,

dass Blüt und Frucht die künft´gen Jahre zieren.

Die Wette geht also nicht um Fausts Unsterbliches, vielmehr ist die gesamte Schöpfung Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen Mephistopheles und dem Herrn. Und der Ausgang ist schon zu Beginn und auch hier beim „Pakt“ mit dem Teufel gewiss: der Herr hat den Ausgang im Prolog vorausgesagt. Ab jetzt entfaltet sich in der Tragödie ersten und zweiten Teil der Weg durch die kleine Welt des bürgerlichen, begrenzten Lebens und durch die große Welt, der unbegrenzten Verbindung aller Welt- und Kulturelemente, die zum Wesen unserer abendländischen Selbstverständnisse gehören, wie es Goethe in seiner Zeit sah.

Der erste Versuch Mephistopheles`, Faust sinnliche Genüsse zu bereiten, scheitert schon im Ansatz. Das stumpfsinnige Treiben der zechenden Studenten kann Faust nicht reizen. Als Mephistopheles dies merkt, lässt er Faust in der Hexenküche verjüngen, denn durch den Trank wird aus dem schon älteren Wissenschaftler ein jugendlicher Liebhaber (Hexeneinmaleins= Anleitung für ein magisches Quadrat). Gleich sieht Faust im Spiegel das Bild Helenas, des Inbegriffs der schönen Frau. Mit Hilfe des Hexenzaubers, so prophezeit Mephistopheles, wird Faust „bald Helena in jedem Weibe“ sehen.

Die Begegnung mit Gretchen dient Faust nur der einfachen, direkten Erfahrung sinnlicher Befriedigung. Doch diese Tat hat Folgen: Faust erfährt zum ersten Mal das stille, bescheidene Glück der kleinen, bürgerlichen Existenz und sieht, dass es zufriedene Menschen gibt, die mit sich und ihren Lebensbedingungen identisch sind. Zwar ist das keine Alternative für ihn selbst und für sein grenzenloses Streben, doch er kann eine neue Erfahrung machen, indem er reine Liebe genießt und diese Idylle und mit ihr das Glück und das Leben einfacher Menschen zerstört. Schuld als neue Erfahrung erweitern nur die Rastlosigkeit der faustischen Existenz, bringt Faust aber vorerst keinen Schritt weiter zu einer möglichen Lösung des Problems, um das in der Dichtung gewettet wurde.

 

Gretchen ist die Repräsentantin einer kleinen, wohlgeordneten Welt, in der die Bürger ihr beschauliches, leicht überschaubares Leben leben.

Ein fremder Mann spricht das sehr junge Mädchen in unhöflicher Weise auf der Straße an. Sie wehrt sich zwar, doch der erste Anstoß zur aufkeimenden Liebe ist getan. Von da an entwickelt sich eine Kuppelei, die so teuflisch gemein eingeleitet ist, dass Gretchen keine Möglichkeit hat, ihre Identität zu bewahren.

Die Herkunft aus kleinbürgerlichen Verhältnissen hat dennoch ermöglicht, dass dieses naive Kind mit der Welt, die sie kennen gelernt hat, zufrieden ist. Sie hat nicht viel gelernt, denkt nicht über die Welt oder den Sinn des Lebens nach; das lässt sie den Pfarrer für sich tun, aber sie hat trotz der jungen Jahre schon eine wichtige Erfahrung hinter sich. Sie musste sich um die Aufzucht ihrer kleinen Schwester kümmern und hat den Tod des Kindes miterlebt. Damit hat sie grundlegende menschliche Erfahrungen erworben, nämlich das Glück, das man in der Sorge für einen anderen Menschen empfinden kann, und die Erfahrung des schicksalhaften Todes dieses geliebten Menschen, bevor er seine Bestimmung hätte erreichen können. Damit wurden ihr zwei wichtige Pole im Leben des Menschen vertraut: Geburt und Tod. In dieser Beschränktheit und Kleinheit des einfachen Lebens Zufriedenheit zu erfahren, das ist eine Lebensmöglichkeit, die Faust versagt bleibt. Gretchen aber gewinnt durch diese Erfahrung für Faust eine besondere Bedeutung: sie wird ihm als Person ebenbürtig. Zwar weiß sie nichts von den Wissenschaften, zwar versteht sie nichts von dem abstrakten Glaubensbekenntnis, das der Geliebte ihr vorträgt, aber sie repräsentiert einen anderen positiven Teil von Menschlichkeit, der in der Anklage des Teufels vor dem Herrn nicht vorkam: die stille, einfältige Liebe eines Menschen, der sich zu der Aufgabe, in der er gestellt ist, bekennt und sie nach bestem Vermögen ausfüllt. Auch so ist ein erfülltes Leben möglich, das sich dennoch von der Identität der Tiere mit ihrem sinnlichen Dasein unterscheidet. Indem Faust diese Möglichkeit erfährt und sie brutal zerstört, erfüllt sich der erste Teil der Voraussage des Herrn im Prolog. Auch Menschen wie Gretchen werden von einem dunklen Drang auf die richtige Bahn gelenkt; sie hat, wie der Bruder sagt, zwar ihre Sache nicht richtig gemacht, aber alles, was sie tat, geschah aus echtem Gefühl der Liebe. Auch wenn sie schuldig wurde durch den Mord an ihrem Kind, kann sie erlöst werden, wie es die versöhnliche Stimme von oben im Kerker bestimmt: „ist gerettet!“

In dem Gespräch im Garten zeigt sich Gretchen in der ganzen Naivität ihrer Kindlichkeit und mangelnden Bildung. Doch in der Kerkerszene wandelt sie sich zur Anklägerin, die nun Faust seine Untaten vorhält und seine wahre Natur enthüllt. Nachdem sie ihre eigene Schuld am Tode der Lieben bekannt hat, sieht sie Blut an den Händen des Geliebten. Dann aber spricht sie das furchtbare Vermächtnis Fausts aus:

Nein, du musst übrig bleiben!

Ich will dir die Gräber beschreiben.

Faust muss also als Überlebender das Ergebnis seines zerstörerischen Tun vor Augen haben, damit ihm zur alten Qual der Begrenztheit seines Strebens doch die neue Qual der Schuld trifft, die er auf sich geladen hat, weil er diese Harmonie in der Familie Gretchens und damit der kleinen Welt zerstört hat. Margarete spürt, dass die Liebe Fausts gewichen ist und ihn nur noch Mitleid und Schuldgefühle an ihr Schicksal binden. Daher klagt sie ihn an und übergibt sich selbst dem Gericht Gottes. Dadurch wird sie vom Einfluss Mephistopheles´ frei, der mit Faust entflieht.

 

 

 

 

 

Zurück zu „Literatur“

Zurück zur Startseite