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Georg
Büchner: Woyzeck
(verfasst von Wolfgang Wallner-F.)
(www.wolfgangwallnerf.com)

Autor: Geboren 17.10.1813 in Goddelau bei
Darmstadt, gestorben 19.2.1837 in Zürich. Studierte Naturwissenschaften,
Medizin und Philosophie, nahm als heftiger Gegner der Reaktion 1834 an den
politischen Kämpfen in Hessen teil, schrieb die sozialistische Flugschrift „Der
hessische Landbote“
( Kampfruf: “Friede den
Hütten! Krieg den Palästen“) und floh 1835 nach Straßburg, dann Zürich. Dort
wurde er Dozent für Anatomie. Mit seinen Hauptwerken nimmt er als Vorläufer von
Naturalismus und Expressionismus eine singuläre Stellung in der deutschen
Literatur des 19. Jahrhunderts ein. Vorläufer des Realismus. Er starb vor
seiner geplanten Habilitierung in Zürich an Gehirnhautentzündung.
Werke: Dantons Tod, Leonca und Lena, Lenz
(Novellenfragment) Woyzeck (Fragment).
WOYZECK
(in Zürich, ca. 1835
entstanden)
Protagonisten:
Woyzeck: Soldat
Marie: Mutter seines unehelichen Kindes
Tambourmajor: Liebhaber der Marie
Doktor,
Hauptmann.
Idee: Wahre Begebenheit. Am 21. Juni 1821
erstach der 41jährige Friseur Woyzeck aus Eifersucht seine Geliebte, eine
46jährige Witwe. Lange gerichtsärztliche Untersuchungen, die die Zurechnungsfähigkeit
Woyzeck klären sollten, machten den Fall populär und schoben den Hinrichtungstermin
hinaus. Am 27. August 1824 wurde Woyzeck öffentlich hingerichtet. Den Stoff
fand Büchner in den beiden gerichtsmedizinischen Gutachten und aus
Zeitschriften für Staatsarzneikunde. Erstmals wurde bei dem Fall auf den
Gemütszustand und die Zurechnungsfähigkeit des Täters eingegangen.
Aufbau, Gliederung und Sprache: Ein Fragment in 26 Bildern, Büchner lässt
die Personen des Stückes eine mundartlich kolorierte Sprache sprechen, die
manchmal schwierig zu verstehen ist (Dialoge in der 3. Person).
Inhalt:
Woyzeck, ein
einfältiger Soldat, der an Depressionen und Alpträumen leidet tötet Marie, mit der
er ein uneheliches Kind hat, als er von ihrem Verhältnis mit dem Tambourmajor
erfährt. (Kurzfassung)
Woyzeck, ein
einfältiger Soldat, der mit der hübschen Marie ein uneheliches Kind hat, leidet
an Alpträumen und Depressionen. Ein Doktor nützt Woyzecks Zustand aus, um
allerlei absurde Diäten auszuprobieren (Erbsen), wofür Woyzeck etwas Geld erhält.
Auf einem Rummelplatz
wird ein Tambourmajor auf Marie aufmerksam, sie gefällt ihm und auch er ist ihr
nicht gleichgültig. Sie beginnen ein Verhältnis.
Als Marie von Woyzeck
Geld für den Unterhalt bekommt, äußert sie Gewissenskonflikte.
Der Hauptmann
(Vorgesetzter Woyzecks) trifft Woyzeck auf der Straße und spottet in brutaler
Weise über ihn, weil dieser das Verhältnis seiner Marie noch nicht bemerkt hat.
Verstört kehrt Woyzeck
heim und stellt Marie zur Rede, diese aber weist die Vorwürfe zurück und meint,
Woyzeck leide an Fieber.
Erst als Woyzeck den
Tambourmajor und Marie durch ein Wirtshausfenster beim Tanz beobachtet, packt
ihn die Eifersucht, er verfällt in Depressionen und fasst den Gedanken, Marie
zu erstechen.
Woyzeck lässt sich zu
Hause ein paar Tage nicht blicken, Marie blättert in der Bibel und das
schlechte Gewissen plagt sie mehr und mehr.
Nachdem Woyzeck in
einem Trödlerladen ein Messer besorgt hatte, fordert er Marie auf, mit ihm
einen Spaziergang zum Teich zu machen. Er ersticht Marie auf dem Weg zum Teich,
lässt das Messer fallen und läuft weg ins Wirtshaus.
Dort bemerkt er bald
seine blutigen Hände. Schnell läuft er zum Tatort zurück und wirft das Messer
in den Teich. Er beginnt, im Teich die Blutflecken aus seiner Kleidung zu
waschen, und geht letztendlich selbst in den Teich. Bald wird der Leichnam der
Marie gefunden und ein Polizist, ein Arzt und ein Gerichtsdiener finden sich am
Tatort ein.
Interpretation
Das Fragment ist ein
einziger Aufschrei der gequälten menschlichen Kreatur, die der untersten
Gesellschaftsschicht angehört. Büchners Mitleid gilt Woyzeck, den er in seiner
Not erschütternd darstellt. Die Umwelt ist scharf, teilweise auch karikaturistisch
(Hauptmann und Doktor) gezeichnet.
Woyzeck ist ein
einfältiger, naiver Charakter, der pflichtbewusst seinen Aufgaben folgt. Er
sorgt für Mutter und Kind und befolgt die Anweisungen des Doktors, der
belehrend gegenüber Woyzeck diesen nur als Versuchsobjekt betrachtet und die
Karikatur eines Wissenschaftlers darstellt, der die Wissenschaft über das Wohl des Menschen stellt. Für Woyzeck
bietet sich in diesem Drama kein Ausweg an. Er steht zwischen dem Gefühl der
Pflicht (gegenüber Marie, dem Arzt), der Tugend (des Militärs, Hauptmann) und
dem Konkurrenzkampf im menschlichen Bereich (Tambourmajor), und besitzt auf
Grund seiner Nichtbildung und seiner Krankheit keine Möglichkeit, diese Problemstellung
zu lösen. Er empfindet seine Situation aber erst dann als untragbar, als die
einzige Person, mit der er soziale Kontakte aufgenommen hat, ihn enttäuscht.
Die Schuld der Umwelt an seiner ausweglosen sozialen Situation wird ihm nicht
bewusst.
Symptomatisch für die
Lebensbedingungen des armen Volkes scheint die Veränderung eines Grimmschen
Märchens (Sterntaler), das eine Großmutter im Drama erzählt. Während in der Originalfassung
ein kleines Mädchen, dessen Vater
und Mutter verstorben war, von allen Seiten Almosen erhält und zuletzt Sterne
vom Himmel fallen, die sich in blanke Taler verwandeln und das arme Mädchen so
bis zu seinem Lebensende reich wurde, wird dasselbe Mädchen in Büchners Version
auf Erden von allen alleine gelassen, der Mond erweist sich als faules Stück
Holz, die Sonne als verwelkte Sonnenblume und die Sterne als kleine Mücken,
„die waren angesteckt, wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt“. Zum
Schluss setzt sich das Mädchen auf die Erde und weint und da sitzt sie noch
immer und ist ganz alleine.
Der Mensch (Woyzeck)
wird aller Illusionen beraubt und alleine gelassen. Eine mögliche Hilfe die
sich bietet (Freimaurer in der ersten Szene, = Gemeinschaft mit humanitärem
Bildungsprogramm, das Streben nach Selbsterziehung und Selbstverantwortung hat
das Ideal edler Menschlichkeit zum obersten Ziel) wird als Bedrohung empfunden.
Obgleich von Büchner im Fragment nicht gezeichnet, ist auch die Ausweglosigkeit
im Leben der anderen Protagonisten
erkennbar, die in ihren Traditionen und Anschauungen gefangen scheinen.
Büchners Woyzeck drückt
die Aussichtslosigkeit des Menschen vor der Revolution durch die Philosophie
Marx und Engels aus und ist auch als Vorgänger der Werke Brechts anzusehen.