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Bertolt Brecht: Mutter Courage und ihre Kinder

 

(verfasst von Wolfgang Wallner-F.)
 
www.wolfgangwallnerf.com

 

 

 

 

Autor: Geb. 10. Februar 1898 in Augsburg, gest. 14. August 1956 in Berlin. Emigrierte 1933 (Dänemark, seit 1941 USA), kehrte 1947 nach Europa, 1949 nach Berlin (Ost) zurück. Brecht begann mit expressionistisch - anarchistischen Dramen (Baal, 1918; Trommeln in der Nacht, 1919) hatte dann großen Erfolg mit der desillusionistischen, die bürgerlichen Konventionen verspottenden „Dreigroschenoper“ (1928, Musik von Kurt Weill) und seiner an Francois Villon und den Bänkelsang anknüpfende Lyrik („Hauspostille“, 1927). Unter dem Einfluss des Marxismus kam er zur strengen Disziplin der „Lehrstücke“. Die Hauptwerke entstanden im Exil. Brechts Stil und Sprache übten großen Einfluss auf die moderne Dichtung aus. Sein „episches Theater“, das mit Verfremdungen arbeitete, sollte kritisches Bewusstsein wecken und zu gesellschaftlicher Änderung führen; gegenüber den „Lehrstücken“ gewann in Brechts späteren Werk (auch in seiner Theorie) das ästhetische Element wieder neue Bedeutung. Sowohl in den Dramen wie in der Lyrik Brechts spielen neben der sozialen Kritik auch andere Motive, besonders Mitleid mit den Menschen, eine Rolle. In dem 1949 in Ostberlin gegründeten „Berliner Ensemble“ schuf sich Brecht zusammen mit seiner Frau Helene Weigel eine Experimentierbühne, seine Inszenierungen erlangten Weltruhm.

 

Werke: Baal, Trommeln in der Nacht, Dreigroschenoper, Mutter Courage und ihre Kinder, Der gute Mensch von Sezuan, Leben des Galilei, Der kaukasische Kreidekreis, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (Musik Kurt Weill), Die hl. Johanna der Schlachthöfe, Herr Puntila und sein Knecht Matti, Furcht und Elend des Dritten Reiches, Schweyk im zweiten Weltkrieg; zahlreiche Essays und Aufsätze zum Theater.

 

 

Epische Theater

 

 

1. Aristotelisch-Lessingsche Dramaturgie

 

Aristoteles (384 - 321 v. Chr.) bestimmte in seiner Schrift Poetik das Wesen der Dichtkunst. Der Dichter sollte berichten, was geschehen sein könnte, Dichtung darf nichts Unwahrscheinliches enthalten, was im wirklichen Leben niemals geschehen könnte.

Aristoteles Definition der Tragödie: „Die Tragödie ist die Nachahmung einer edlen und abgeschlossenen Handlung von einer bestimmte Größe in gewählter Rede, derart, dass jede Form solcher Rede in gesonderten Teilen erscheint und dass gehandelt und nicht berichtet wird und dass mit Hilfe von Mitleid und Furcht eine Reinigung von derartigen Affekten bewerkstelligt wird“.

Gotthold Ephraim Lessing (1729 - 1781) begründete auf der Poetik des Aristoteles die Hamburger Dramaturgie, eine Neubegründung einer nationalen Dramatik. Diese neue Form des Theaters hat in der Folgezeit nicht nur die Autoren, sondern auch die Theaterpraxis bestimmt, mit ihr setzte sich Brecht auseinander.

Lessing: (über Aristoteles) „ Man hat ihn falsch verstanden, falsch übersetzt. Er spricht von Mitleid und Furcht, nicht von Mitleid und Schrecken, und seine Furcht ist durchaus nicht die Furcht, welche uns das bevorstehende Übel eines anderen, für diesen anderen, erweckt, sondern die Furcht, welche aus unserer Ähnlichkeit mit der leidenden Person für uns selbst entspringt; es ist die Furcht, dass die Unglücksfälle, die wir über diese verhänget sehen, uns selbst treffen können...., mit einem Worte: diese Furcht ist das auf uns selbst bezogene Mitleid“.

 

2. Brechts „Epische Theater“

 

Nach Brecht soll der Zuseher sich nicht mit den Personen identifizieren, sondern er soll sich distanzieren. Das epische Theater will den Zuschauer in eine kritische Distanz zu dem auf der Bühne Dargestellten halten, will ihm keine allgemeingültigen Lösungen vorexerzieren, sondern zum Nachdenken anleiten. Er soll nicht kulinarisches Theater genießen, sondern beim Geschehen mitdenken. Ein solches Verhalten entspricht dem eines Menschen, der weiß, dass er Natur und Geschichte durch seine Hände verändern kann. Das Epische Theater bildet die Welt nur modellhaft ab, legt sie dem Zuschauer vor, damit er selbst eingreifen und die gewonnenen Einsichten bei seiner gesellschaftlich - praktischen Tätigkeit anwenden kann.

 

Epische Struktur in „Mutter Courage..“: In der Uraufführung (Zürich 1941), an deren Inszenierung Brecht nicht mitwirkte, wurde die Mutter Courage von Therese Giese so gespielt, dass der Zuschauer Mitleid mit der tragischen Mutter empfinden musste, die durch die Schrecken des Krieges ihre Kinder verlor. Der Ausgang ist, wie in der klassischen Tragödie tragisch, weil die Courage unwissentlich die Kinder ins Verderben stürzt, obwohl sie alles zu tun glaubt, sie vor den Schrecken des Krieges zu retten. Brecht war über diese Aufführung bestürzt, da er sich gründlich missverstanden sah. So erarbeitete er 1949 in Berlin eine Modellinszenierung (seine Frau Helene Weigel als die Courage), in der Weigel die Courage als zornig darstellte. Dieser Zorn war aber nicht der Zorn der Courage, sondern der Zorn der Schauspielerin über die Courage. Obwohl die Züricher Aufführung ein großer Erfolg war, hat sie lediglich das Bild des Krieges als eine Naturkatastrophe und eines unabwendbaren Schicksals gegeben und noch dazu dem Kleinbürger im Zuschauerraum seine eigene Unzerstörbarkeit, seine Fähigkeit zu überleben, bestätigt.

 

Der Verfremdungseffekt: Alltägliche und selbstverständliche Situationen werden auf eine andere, ungewohnte Weise dargeboten, damit der Zuschauer aufmerksam wird, aus seiner Konsumhaltung herausgerissen und in den Prozess der Problemlösung miteinbezogen werden kann.

 

Verfremdungseffekt in der „Mutter Courage...“: Brecht wendet eine Montagetechnik an und lässt in einer Reihe von Szenen die alle in gleicher Weise strukturiert sind, zu Beginn jeder Szene einen Titel auf einen Vorhang projizieren, der den Inhalt der Szene kurz beschreibt. Damit wird dem Zuseher jede Spannung genommen, er bekommt die Möglichkeit zur kritischen Distanz. Ein weiteres Mittel der Verfremdung sind die Songs, die den Handlungslauf unterbrechen und zur Desillusionierung der Zuseher beitragen. Das Lied von der großen Kapitulation wird z.B. nicht von der Courage gesungen, sondern von der Darstellerin der Courage.

 

 

Mutter Courage und ihre Kinder

Eine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg

(geschrieben 1938/39)

Musik: Paul Dessau

 

 

 

Entstehung des Stückes:

 

Ursprung: nordische Marketenderin Lotta Svadt aus dem Werk: Fähnrich Stals Erzählungen. Der Name „Courage“ aus Jakob Christofel von Grimmelshausens Roman: Ausführliche und wundersame Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landzerstörerin Courasche.

 

Form:

 

Politisches Drama in 12 Szenen, episches Theater

 

Wichtigste Protagonisten:

 

Mutter Courage, Anna Fierling

Kattrin, ihre stumme Tochter

Eilif, der ältere Sohn

Schweizerkas, der jüngere Sohn

Der Koch, Lamb

Der Feldprediger

Yvette Pottier

 

Inhalt:

 

1.Szene: ( Frühjahr 1624)

 

Mutter Courage (Anna Fierling), eine Marketenderin zieht mit ihren drei Kindern und einem Planenwagen einem finnischen Regiment nach. Ein Feldwebel und ein Werber wollen die beiden Söhne als Soldaten anwerben. Mutter Courage kann sich nicht ausweisen und kann mit den vermeintlichen Kunden nicht ins Geschäft kommen. Sie verteidigt die Söhne mit einem Messer gegen die Werber. Der Feldwebel handelt zum Schein um eine Schnalle, währenddem gelingt es dem zweiten Werber Eilif wegzuführen.

 

 

2.Szene: (1625/26)

 

Mutter Courage zieht im Gefolge der schwedischen Heere durch Polen. Vor der Festung Wallhof handelt sie mit dem Koch um einen Kapaun (Masthahn). Sie hört, wie der Feldhauptmann Eilif für eine Heldentat auszeichnet. Eilif hatte mit einer List mit Knüppel bewaffnete Bauern erschlagen und ihnen Vieh geraubt.

Mutter Courage gibt ihrem Sohn Eilif eine Ohrfeige und wirft ihm vor, sich nicht bei dieser Gelegenheit ergeben zu haben.

Eilif singt das Lied vom Weib und den Soldaten.

 

3.Szene: (1629)

 

Courage handelt mit einem finnischen Zeugmeister um einen Sack Gewehrkugeln, die dieser verkaufen will um seinen Obristen Likör zu kaufen. Der Sohn Schweizerkas ist Zahlmeister geworden und verwaltet die Regimentskasse, seine Mutter warnt ihn davor, unredliche Sachen zu tun. Yvette, die Lagerhure erzählt ihre Lebensgeschichte und singt das Lied vom Fraternisieren.

Der Koch und der Feldprediger reden über die politischen Verhältnisse. Der Feldprediger behauptet, dass in diesem Glaubenskrieg zu fallen eine Gnade sei, spricht von den edlen Motiven Schwedens. Der Koch, aus der Sicht des armen Mannes sagt, dass dieser Krieg sich nicht von anderen unterscheidet, er bedeutet Tod, Armut und Unheil für das Volk, Gewinn für die Herrschaft, die den Krieg zu ihrem Nutzen führt. Da wird das Gespräch durch Kriegslärm unterbrochen, Katholiken überfallen das schwedische Lager. Mutter Courage nimmt die Regimentsfahne vom Wagen, beschmiert Kattrin das Gesicht, rät Schweizerkas die Kasse wegzuwerfen und gibt dem Feldprediger Unterschlupf. Das katholische Regiment hat keine Marketenderin und so kann dort Courage ihre Tätigkeit fortsetzen. Schweizerkas will die Regimentskasse retten, gesteht aber unter Folterungen, dass er die Kasse versteckt hat, nicht aber den Ort.

Yvette will mit dem Geld eines alten Obristen den Marketenderwagen kaufen. Mit diesem Geld will die Courage Schweizerkas loskaufen. Sie hofft aber auf die Regimentskasse und will so den Wagen an Yvette nur verpfänden. Mutter Courage feilscht zu lange, Schweizerkas wird erschossen und sie verleugnet ihren Sohn um das Leben der Familie zu retten.

 

4.Szene: (1629)

 

Da auf der Suche nach der Regimentskasse ihre Waren beschädigt wurden, will die Courage sich beim Rittmeister beschweren. Ein junger Landsknecht will sich ebenfalls beschweren, weil man ihm eine Belohnung vorenthalten hat. Die Courage spricht mit dem Landsknecht und singt „Das Lied von der großen Kapitulation“. Die Wut des Soldaten verraucht und beide verzichten auf die Beschwerde.

 

 

 

 

 

5.Szene: (1631)

 

In der Zwischenzeit hat die Courage Polen, Bayern und Italien durchquert. Sie schenkt in einem zerstörten Dorf Schnaps aus. Der Feldprediger will von ihr Leinen, um verwundete Bauern zu versorgen. Unter Gewalt nimmt der Feldprediger Offiziershemden, die er zu Verbandszeug zerreißt.

Kattrin findet einen Säugling und lallt ihm ein Wiegenlied vor. Mutter Courage entreißt einem Soldaten einen gestohlenen Pelzmantel.

 

6.Szene: (1632)

 

Die Courage besucht das Begräbnis des gefallenen Feldhauptmann Tilly. Sie befürchtet, dass der Krieg nun zu Ende sei, der Feldprediger beruhigt sie, Krieg gebe es auch weiterhin. Mutter Courage schickt ihre Tochter Kattrin in die Stadt um neue Waren einzukaufen, da der Krieg weiterginge. Der Feldprediger wirbt um Courage, sie weist ihn zurück. Kattrin kehrt mit einer Wunde am Kopf zurück. Sie wurde überfallen und verunstaltet, die Waren hat sie aber behalten können. Zum Trost schenkt die Courage ihr die roten Schuhe der Yvette und verflucht den Krieg.

 

7.Szene: (1632)

 

Die Courage ist auf dem Höhepunkt ihres Geschäftslebens. Sie zieht mit Kattrin und dem Feldprediger über eine Landstraße. Sie verteidigt den Krieg und behauptet, dass der Krieg besser als der Frieden sei.

 

8.Szene: (1632)

 

Der Schwedenkönig Gustav Adolf fällt. Glocken läuten und es verbreitet sich das Gerücht, dass Frieden sei. Der Koch erscheint, der Feldprediger zieht sein geistliches Gewand wieder an.

Mutter Courage klagt dem Koch, dass sie ruiniert sei, weil sie auf Rat des Feldpredigers vor kurzem erst Waren eingekauft hat, die nun niemand mehr haben will. Der Koch und der Feldprediger streiten. Der Feldprediger will sich vom Koch nicht aus dem Geschäft verdrängen lassen, da er sonst seine Existenzgrundlage verlöre. Die Courage verflucht den Frieden. Sie wird vom Feldprediger als „Hyäne des Schlachtfeldes“ tituliert.

Die viel älter und dicker gewordene Yvette kommt und stellt sich als Gattin eines Obristen vor. Sie bezeichnet den Koch als Verführer, der darauf seine Chancen im Geschäft der Courage schwinden sieht und sich zu seinem Feldhauptmann zurück sehnt.

Die Courage und Yvette fahren in die Stadt um schnell noch die Waren zu verkaufen, bevor der Preis fällt.

Während sie abwesend sind, wird Eilif hingerichtet, da er im (vermeintlichem) Frieden dasselbe getan hat wie im Krieg (Viehdiebstahl).

Mutter Courage kommt zurück, sie hat die Waren nicht verkauft, da der Krieg weitergeht. Der Koch erzählt ihr nicht, dass Eilif hingerichtet wurde.

Anstatt dem Feldprediger nimmt nun die Courage den Koch als Gehilfen und zieht weiter.

 

 

9.Szene: (Herbst 1634)

 

Der Krieg dauerte schon sechzehn Jahre. Deutschland ist verwüstet, mehr als die Hälfte des Volkes ist umgekommen, die Menschen hungern. Die Courage und der Koch betteln vor einem Pfarrhaus. Der Koch erzählt, dass seine Mutter in Utrecht an der Cholera gestorben ist. Er hat dort eine kleine Wirtschaft geerbt und möchte mit der Courage dorthin ziehen um ein friedliches und ruhiges Leben zu führen. Allerdings will er Kattrin nicht mitnehmen, weil sie verunstaltet ist und die Gäste vertreibt. Außerdem ernähre die Wirtschaft nicht drei Personen. Kattrin hat das Gespräch gehört und will heimlich weglaufen. Mutter Courage entscheidet sich für ihre Tochter und wirft die Sachen des Kochs vom Wagen. Mutter und Tochter ziehen alleine weiter.

 

10.Szene: (1635)

 

Das ganze Jahr ziehen die beiden einem zerlumpten Heer nach. Bei einem Bauernhaus hören sie einen Gesang, der von der Sicherheit und dem Schutz handelt, das Haus und Grundstück dem Besitzer bieten.

 

11.Szene: (Jänner 1636)

 

Die kaiserlichen Truppen bedrohen die Stadt Halle. Mutter Courage geht zum Einkaufen in die Stadt, der Planwagen mit Kattrin drinnen steht in einem Bauernhof. Soldaten zwingen den Bauern, ihnen den Weg zur Stadt zu zeigen um die Bewohner der Stadt Halle zu überraschen. Kattrin hört das, nimmt eine Trommel und steigt aufs Dach, die Leiter umwerfend. Sie trommelt, um die Bewohner Halles zu warnen und kann davon durch keine Drohungen abgehalten werden. Soldaten zwingen den Bauern die Trommelschläge durch Axtschläge zu übertönen, das genügt aber nicht und Kattrin wird erschossen. Doch ihre Trommelschläge sind in der Stadt gehört worden, dort wird Alarm gegeben.

 

12.Szene (1636)

 

Am nächsten Morgen, als die Truppen sich schon entfernt haben, kehrt Mutter Courage aus der Stadt zurück und findet die tote Tochter. Sie glaubt aber, die Tochter schläft nur und kann nur mit Mühe vom Tod überzeugt werden. Sie gibt den Bauern Geld für das Begräbnis und zieht den Soldaten nach. Sie glaubt noch immer, dass ihr Sohn Eilif noch lebt.

Am Ende kommt erneut das Lied, dass Mutter Courage schon in der ersten Szene angestimmt hat:

 

„Mit seinem Glück, seiner Gefahre

Der Krieg, er zieht sich etwas hin.

Der Krieg, er dauert hundert Jahre

Der g´meine Mann hat kein Gewinn.

Ein Dreck sein Fraß, sein Rock ein Plunder!

Sein halben Sold stiehlts Regiment.

Jedoch vielleicht geschehen noch Wunder:

Der Feldzug ist noch nicht zu End!

Das Frühjahr kommt! Wach auf, du Christ!

Der Schnee schmilzt weg! Die Toten ruhn!

Und was noch nicht gestorben ist

Das macht sich auf die Socken nun.“

 

 

Interpretation

 

 

Charaktere:

 

Mutter Courage:

 

Mutter Courage ist eine Händlerin, die im Dreißigjährigen Krieg als eine den Soldaten folgende Marketenderin lebt und die ihre Kinder, so weit möglich, aus den Kriegsgeschehnissen heraushalten will. Zu Beginn des Dramas zeigt sich aber schon, wo sie ihre Prioritäten setzt: Sie will Eilif vor den Werbern schützen, durch den Handel mit einem Werber übersieht sie aber, dass Eilif mit dem Werber mitgeht. Sie stellt ihre Interessen als Händlerin über denen der Mutter. So sagt auch einer der Werber: Will vom Krieg leben, wird ihm wohl auch etwas geben“. Als Marxist ist der Widerspruch im Handeln der Courage für Brecht aber keine tragische, unabwendbare Katastrophe. Die kapitalistische Gesellschaft ist Ursache dieses Handelns, Mutter Courage ist eine Vertreterin des Kapitalismus, deren Grundlage der Handel, das Verschaffen von persönlichen Vorteilen ist. Diese Haltung wird auch in der Szene deutlich, in der die Courage mit dem Koch über den Verkauf des Kapauns handelt. Der Koch ist in einer Zwangslage, da er für seinen Feldwebel Fleisch auftreiben muss. Der Preis für das Tier wird vorerst, den Gesetzen des Angebotes und der Nachfrage gehorchend immer mehr gesenkt. Als sie ihren Sohn Eilif (als Held) entdeckt, treibt sie, obwohl das Essen auch ihrem Sohn zugute kommen soll, den Preis in unverschämte Höhe. Die Courage sucht im Krieg ihre Vorteile, als ein Gerücht über Frieden ausbricht, glaubt sie, ruiniert zu sein, doch als sie merkt, dass der Krieg weitergeht, ist sie wieder obenauf. Im gesamten Drama verflucht sie nur dann einmal den Krieg, als ihre Tochter Kattrin überfallen und verstümmelt wird.

In der 7. Szene behauptet sie, dass der Krieg den Menschen besser ernähre, und dass auch der Friede den Schwachen vertilgt.

Ihrer kapitalistischen Gesinnung folgend, ist sie auch Schuld an der Nichtrettung ihres Sohnes Schweizerkas. Sie will ihn durch Bestechung vor der Hinrichtung bewahren. Der Versuch gelingt aber nicht, da sie ihre wirtschaftliche Grundlage gegen das Leben des Sohnes eintauschen muss. Sie handelt zu lange und so wird Schweizerkas doch hingerichtet. Als sie im letzten Moment doch bereit wäre, ihren gesamten Handel gegen das Leben des Sohnes einzutauschen, ist es schon zu spät. Sie hat wieder ihre wirtschaftlichen Interessen über das Leben des Sohnes gestellt.

Als sich die Courage und ein junger Soldat, dem Ungerechtigkeit unerträglich ist beim Offizier beschweren wollen, sagt die Courage zum Soldaten, dass jeder einmal kapitulieren müsse, weil die Wut verraucht und ein Aufbegehren den Geschäften schadet. Sie singt das Lied von der großen Kapitulation. In diesem Lied werden Entwicklungsphasen der Courage geschildert. Zu Beginn ist sie ein optimistisches Kind, das sich für etwas Besonderes hält, dieser Teil endet mit einer optimistischen Redewendung (Jeder ist seines Glückes Schmied). Weiter wird im Lied die folgenden Erkenntnisse erzählt, die Courage hat Kinder und kein Geld. Wieder folgen Redewendungen, diesmal aber solche, die nach Anpassung verlangen (Man muss sich mit den Leuten stellen, eine Hand wäscht die andere, man kann nicht mit dem Kopf durch die Wand). Im Weiteren werden diese beiden Erfahrungen gegenüber gestellt, der grenzenlose Optimismus und die Resignation ( Der Tüchtige schafft es, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, wir werden den Laden schon schmeißen - entgegen - Man muss sich nach der Decke strecken). Die einzelnen Strophen enden: „Der Mensch denkt: Gott lenkt. Keine Red davon!“ Die letztendlich gefasste Lebensweisheit der Courage lautet also Anpassung.

Durch diese Anpassung kommt es zu einem Widerspruch zwischen ihren Geschäftsinteressen und den menschlichen Bedürfnissen, der unter den Bedingungen dieser Gesellschaft unüberbrückbar ist und an dem ihre Kinder sterben.

 

Eilif:

 

Eilif ist ein tapferer Mann. Im Krieg ist er ein Held, weil er brutal Bauern tötet und das Vieh raubt. Seine Mutter hat ihm nicht Moral beigebracht hat, da sie Krieg und Frieden nur aus einem geschäftlichen Gesichtspunkt betrachtet. So hat sie ihm auch nicht gesagt, wie man sich verschiedenen Gegebenheiten entsprechend verhält. Als Eilif sich im (vermeintlichem) Frieden genau so verhält, wird er erschossen.

 

Schweizerkas:

 

Da Schweizerkas nicht klug ist, erzieht ihn die Courage zur Redlichkeit. Er liefert die Regimentskasse auch dann nicht aus, als sein Leben bedroht ist. Ohne seinen eigenen Vorteil zu beachten, richtet er sich nach den Lehren seiner Mutter. Durch die beabsichtigte Rettung der Kasse wäre nur weiter Krieg geführt und Menschen getötet worden. Es war also keine moralisch zu rechtfertigende Tat gewesen. Durch das zu lange Handeln seiner Mutter wird auch er hingerichtet.

 

Kattrin:

 

Kattrin ist ein fühlender Mensch, der stumm und verunstaltet ist und daher zu einem normalen Leben nicht fähig ist. Sie erhält die Wunden, als sie für den Handel ihrer Mutter tätig ist. Kattrin streichelt einen verwundeten Igel und schaukelt einen Säugling. Ihre Menschlichkeit ist jedoch stumm. Als sie vollkommen uneigennützig ihre Menschlichkeit artikuliert (Trommel am Dach), wird sie getötet. In ihrer Figur erweist sich, dass die Möglichkeit eines sozialen Daseins einer kapitalistisch orientierten Gesellschaft unterliegen muss. Als Kattrin getötet wird, halten sich die anwesenden Bauern heraus, obwohl durch den beabsichtigten Angriff auf die Stadt Halle eigene Verwandte ums Leben kommen könnten. Trotzdem gibt die Tat Kattrins auch Hoffnung gegen die Ideologie der Anpassung: Ein Bauernsohn lässt sich anstecken und unterstützt Kattrin.

 

Yvette Pottier:

 

Im Lied vom Fraternisieren erzählt die Hure über die aus ihrer Sicht einzigen Möglichkeit, den Krieg zu überleben, indem sie bei Gefahr durch Feinde ihren Körper einsetzt.

 

 

Allgemein:

 

Die Courage geht in zweifacher Hinsicht durch die Handlung des Krieges. Sie sieht den Krieg in ökonomischer Sicht, gewinnt und verliert auch wieder. Die Mutter jedoch verliert alles: ihre Kinder, da im Krieg eine Bedingung geschaffen wird, unter der ein normales menschliches Leben nicht möglich ist. Im Drama erkennt die Courage, dass die Ursache des Krieges in den Macht- und Wirtschaftsinteressen der Herrschenden liegt. Sie täuscht sich allerdings in der Ansicht, dass auch „einfache“ Leute am Krieg gewinnen können.

Man muss das Werk unter dem Gesichtspunkt des Marxismus betrachten, der von Brecht sowohl in der Darstellung des Krieges und seiner Folgen für die handelnden Personen als auch in der Art der Inszenierung (episches Theater, siehe oben) betrachten. Als solches muss „Mutter Courage und ihre Kinder“ als großartiges Gesamtkunstwerk und als vorbildhaft im Bereich des politisches Dramas gesehen werden.

Wichtig erscheint, dass zum Unterschied zur Aristotelisch-Lessingschen Dramaturgie im epischen Theater kein, eigentlich auch so beabsichtigtes egoistisches Mitleid mit den dargestellten Personen entsteht ( siehe oben Lessing: ...diese Furcht ist ein auf uns selbst bezogenes Mitleid“) sondern der Zuseher, durch die Form des epischen Theaters bedingt, aus der Handlung und dem Mitleid herausgetreten, eine „wissenschaftlichere“ Betrachtungsweise ermöglicht bekommt, die ihm die Möglichkeit zur Reflektion und zum Andershandeln gibt. Das Mitleid wird dadurch auch von einem egoistischen Selbstmitleid zu einem soziologischen und humanistischen Mitleid gewandelt.

 

 

 

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